Zu Gast in Einsteins Sommerhaus

Mit zwei Pfirsichen im Fahrradkorb fahre ich am Himmelfahrtstag aus der gerade voller werdenden Stadt nach Caputh, um einen großen Mann zu besuchen, den ich schon lange tief verehre. Albert Einstein fand hier seine Zuflucht während der schönen Monate. Für ihn aber dauerten diese von Ende März bis in den November hinein, denn ein Sommerhaus in Caputh bedeutet für Einstein auch einsame Herbstspaziergänge, den Sohn zum Faulseindürfen einzuladen, Mädchen aus dem Wasser ins Segelboot zu heben, viel Geige, viel Mozart, viel Kiefernduft.

Gänzlich unangemeldet darf die Nur-machmal-Bloggerin, welche jedoch angeblich aussieht wie die junge Hannah Arendt und auch noch genau Einsteins Typ gewesen wäre – so der reizende Thomas Schubert, in dessen Führung ich heute sein darf – in das Haus, welches heute dem Einstein-Forum sowie der Hebrew University untersteht. Sofort fällt das viele Holz aus Oregon Pine auf. Die geraden aber schönen Formen. Ganz modern ist es und doch einladend. Kleine Zimmer mit Schiffsskajütenfeeling stehen dem Leben im Garten und auf der immens großen Terrasse gegenüber. Das Haus steht umgeben von hohen Bäumen, worin sich das Rauschen des Universums mit dem Irdischen trifft, wo alles relativ wird.

Der Bauhausstil des Architekten Wachsmann sowie Einsteins Gegenidee vom gemütlichen Waldhäusschencharme wohnen hier gemeinsam. Dabei bleibt Einstein stets in Gedanken an die Physik. Ein politischer Mensch auch. Eingeladen werden viele Freigeister. Er aber sieht aus der Badewanne durch ein Bullauge in die blinzelnde Mittagssonne und das Universum, kann von seinem Garten und Arbeitszimmer aus mit Blick auf die weite Havelseenlandschaft viel klarer und relativitätssicher denken.

Nach der Enteignung durch die Nazis wird er es nie wieder besuchen, doch sein universeller Geist klebt an den Blättern der Bäume, fällt mit den Zapfen hinab und in mein Gemüt, die ich auf der trockenen Wiese im Garten und allein auf der großen großen Terrasse sitze. Der Duft der Pinien zieht mich auf den Wanderweg des großen Physikers und lässt mich dort ganz versinken, mit nackten Füßen im Moos, auf den Waldwegen, die sich so schön gehen und wo man niemanden, niemanden sehen und hören muss als das Knacken der Kiefern, ihr Wiegen im Wind. Manchmal muss man nämlich auf die Welt pfeifen, so wie er das hier so gut konnte.

Einsteins Präsenz ist auch ein Stolz der Stadt Potsdam. Doch tiefe Wissenschaft sei nur fernab der großen Stadt möglich. Caputh und die brandenburgische Einsamkeit haben dem größten Wissenschaftler seinerzeit den nötigen Raum dafür gegeben:

Mein leidenschaftlicher Sinn für soziale Gerechtigkeit stand stets in einem eigentümlichen Gegensatz zu einem ausgesprochenen Mangel an unmittelbarem Anschlußbedürfnis an Menschen und an menschliche Gemeinschaften. Ich bin ein richtiger „Einspänner“, der dem Staat, der Heimat, dem Freundeskreis, ja selbst der engeren Familie nie mit ganzem Herzen angehört hat, sondern all diesen Bindungen gegenüber ein nie sich legendes Gefühl der Fremdheit und des Bedürfnisses nach Einsamkeit empfunden hat …

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Dieser Beitrag wurde am 30. Mai 2019 um 19:19 veröffentlicht. Er wurde unter Wissenschaft, Zitate abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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