Chamber Orchestra of Europe

Pierre-Laurent Aimard Dirigent und Klavier

In memoriam Claudio Abbado

Wieder gedenkt Berlin den jungen Musiker*innen, welche orchestralisch nicht nur ihre eigenen Herzen weit machen. Der Begründer des Jugendkammerorchesters Claudio Abbado lebt weiter darin und in allen, die ihm folgen. Derzeit tourt das Chamber Orchestra of Europe unter Pierre-Laurent Aimard ganz unter dem Motto lebendiger Frische durch die Konzerthäuser Europas. Dabei unterhalten sich Mozart, Carter, Haydn und Beethoven, wobei Elliot Carter als Moderner zuletzt 2012, im Alter von immerhin 103 Jahren, mit dem musikalischen Genie Mozarts auf ganz eigene Weise Brücken bauen wollte.

Zu Beginn des Konzerts am 09.03.19 erfahren die Besucher*innen des Kammermusiksaales der Philharmonie, das Orchesters habe beschlossen, die Reihenfolge im ersten Teil des Programms zu ändern. So erklingt zuerst Mozart, danach folgt Carter. Nach der Pause nochmals Carter, und schließlich wieder Mozart. Meine Freundin wird mir in jener Pause sagen, die ursprüngliche Reihenfolge, wo Mozart den anfänglichen Carter abgelöst haben würde, wäre ihr besser bekommen…

Die leichtfüßige Konzertmeisterin Candida Thompson betritt zuerst den Zeltsaal, eng gefolgt vom Ensmble dieses feinen Orchesters. In harmonischem B-Dur erklingt Mozarts 15. Klavierkonzert. Klangfarbenreich ist die Musik, in welcher die Bläser unverzichtbar sind. Welch wunderbare Auswahl, zieht doch ganz sanft der Frühling ein. Die Philharmonie öffnet gleichsam ihr Zelt, denn frisch sind die Winde, Vöglein singen ihre ersten Lieder, locken und rufen, werden immer variantensicherer. Die erste Geigerin und Konzertmeisterin lüftet ihren eleganten Schuh, welcher vielleicht zu neu ist in dieser neuen Jahreszeit des musikalisch schon so herzlich um den Hals getragenen Frühlings. Wie ein Vogel von Zweig zu Zweig im Baume hüpft, schwebt Aimard von Taste zu Taste, steigt hinauf und fällt, doch immer ein Liedchen trällernd. Ganz besonders aber erscheint der 2. Satz – durch Aimard und sein Orchster so kunstvoll gespielt, dass man das Gefühl hat, Musik überhaupt zum ersten Male hier in seinem Leben zu vernehmen.

Die zweite Komposition schleudert uns in die Moderne zu Elliott Carter, welcher vor allem in seiner letzten Lebenshälfte reich an Schaffenskraft wurde. Carter indes war ein Schüler der Mademoiselle La Musique en Personne Nadia Boulanger, welche die Musik der alten Welt den Komponisten der neuen näher brachte. Sie inspirierte zu regem Austausch, zum Dialog. Elliot Carters Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott ist ein Stimmungswechsel par excellence. Die Töne springen nur so, Themen werden angerissen und sofort wieder abgerissen, es gibt abrupte Finali. Meine Freundin ist gänzlich irritiert und angespannt danach. Elliott scheint hier jene Stimuli Mozarts zu übernehmen, welche der Musikästhetiker Nägeli in den klanglichen Aspekten so beschreibt: Schäfer und Krieger, Schmeichler und Stürmer in einem. Karl Ditters von Ditterdorf, Mozarts Zeitgenosse, schrieb, er habe bisher noch keinen Komponisten gekannt, der so einen erstaunlichen Reichtum von Gedanken besitzt. Er ließe den Zuhörer nicht zu Atem kommen, denn auf einen schönen Gedanken folge zugleich der nächste herrliche. Carter jedoch wühlt eher auf als dass Schönheit auf Grazie folgt – doch ist der eine Klassiker, der andere modern.

Nach der Pause beweist Aimard als einstiger Carter-Schüler die Staccato-Exaltismen des 103 Jahre alt gewordenen Mozartverehrers. Diese Epigramme wurden sogar ihm selbst in seinem Todesjahr gewidmet. Carters Vorliebe zur Aphoristik findet sich hier zwölffach gestaltet – pro Minute ein anderes. “Mozart and Carter are two composers focussed on everything human; their music is vital, dramatic, sometimes theatrical. The various characters are juxtaposed in Mozart and superimposed in Carter with great versatility“, so Aimard.

Abschließend noch einmal der Über-All-Komponist. Für mich ganz überraschend, denn mit dem Mozarts 25. Klavierkonzert KV 503 hatte diese meine Woche begonnen. So nahm der Schabbatausklang dieselben Töne an sich und zog winkend von dannen. „Unschuld, Einfalt, Naivität“, doch eine verschwenderische Fülle an Möglichkeiten, Temperamenten und Farben beherrschen laut Christian Friedrich Daniel Schubart dieses Konzert, welches von den gastierenden Musiker*innen so liebe- und huldvoll gespielt wird. Der Frühling darf also kommen.

 

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Dieser Beitrag wurde am 10. März 2019 um 19:37 veröffentlicht. Er wurde unter Konzert abgelegt und ist mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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